Spotanalyse

Angst vor steigenden Renditen – warum eigentlich?

Dr. Thomas Gitzel, Chief Economist VP Bank Group
Lesedauer: 2 Min
Die 10-jährigen US-Renditen sprangen im Abendhandel (europäischer Zeit) kurzzeitig über die Marke von 1.6 %. Das löste Unbehagen an den Finanzmärkten aus.

Der Renditeanstieg im Bereich langlaufender US-Staatsanleihen wird derzeit an den Finanzmärkten mit Besorgnis beäugt. Dabei ist das, was wir derzeit sehen durchaus üblich. Sind die Leitzinsen tief und stehen die Konjunkturampeln auf Grün, nimmt der Bedarf an sicheren Häfen ab. Staatstitel verlieren, der Bedarf an US-Dollar oder auch an Schweizer Franken sinkt. An den Finanzmärkten schaltet man also in den Aufschwungmodus, was grundsätzlich als positiv zu werten ist. Die Differenz zwischen 10-jährigen US-Staatstiteln und den US-Leitzinsen lag in den Jahren 2009 und 2010 über lange Strecken bei über drei Prozentpunkten. Auch damals schalteten die Ampeln auf Aufschwung. Die Krise wurde abgehakt. Auch über einen längeren historischen Zeitraum betrachtet, ging es nach einer Rezession im Bereich langlaufender Zinsen stets steil nach oben. Zu den Charakteristiken zählt dabei, dass es keineswegs gemächlich nach oben geht, sondern sprunghaft. Also, auch aus dieser Perspektive sollte keiner überrascht sein, wenn es im langlaufenden Zinsbereich derzeit nach oben geht.

Klar ist auch, dass wenn sich die US-Konjunktur weiter erholt, es über kurz oder lang nicht mehr der üppigen Unterstützung der Fed bedarf. Je mehr Joe Biden die Wirtschaft fiskalpolitisch unterstützt, desto weniger bedarf es der Bazooka eines Jerome Powells. Fiskalpolitik und Geldpolitik werden zu Substituten und sind nicht mehr als komplementär erachtet. Die Fed-Offiziellen können derzeit beteuern, dass sie noch längere Zeit an der expansiven Geldpolitik festhalten wollen, doch es kommt der Punkt an dem dieses Credo nicht mehr verfängt. Genau darauf bereitet man sich an den Finanzmärkten vor. Das ist schlicht rational.

Die Aufwärtsbewegung im Bereich langlaufender Staatstitel sollte nicht überraschen. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dies ist in sämtlichen Aufschwungphasen zu beobachten. Und genau darin steckt auch die gute Botschaft. Die Ampeln stehen auf Aufschwung und nicht auf Abschwung. Wesentlich besorgniserregender wäre es, wenn langlaufende Zinsen fallen würde. Dies wäre ein Zeichen dafür, dass die Finanzmärkte dem Braten nicht trauen und skeptisch sind. Dies ist aber nicht Fall. An den Finanzmärkten ist man zuversichtlich, dass sich der Aufschwung fortsetzen wird. Und dies ist allemal eine gute Botschaft.

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