Spotanalyse

Deutschland: Industrie bringt PS nicht auf die Strasse

Dr. Thomas Gitzel, Chief Economist VP Bank
Lesedauer: 2 Min
Die deutsche Industrieproduktion fällt im Mai um 0.3 % gegenüber dem Vormonat.

Gemessen an den Auftragseingängen müsste die Produktion unter Volldampf stehen. Bis zum April nahmen die Aufträge mit Ausnahme des Dezember 2020 im jeweiligen Monatsvergleich deutlich zu. Der Rückgang im Mai (gestern veröffentlicht) wird sich erst in den Folgemonaten bemerkbar machen, für die Produktionsdaten im Wonnemonat bleibt das Minus der Neubestellungen ohne Folgen.

Doch von Volldampf kann keine Rede sein. Trotz guter Auftragssituation lag die Industrieproduktion in diesem Jahr nur einmal im jeweiligen Monatsvergleich im Plus. Mit Ausnahme des März war stets ein Minus zu verbuchen, was in Anbetracht der vollen Auftragsbücher schmerzt. Die Industrie bringt derzeit ihre PS nicht auf die Strasse.

Der Materialmangel bremst die Produktion. In der Fahrzeugindustrie laufen nur noch halb so viele Autos vom Band wie vor der Krise, was auch auf den Mangel an Halbleitern zurückgeht. Zwar ist der gesamtwirtschaftliche Aufschwung aufgrund von Nachholeffekten im Dienstleistungssektor nicht gefährdet, aber Ökonomen, die mit einer allzu optimistischen Wachstumsprognose ins Jahr zogen, werden den Rotstift ansetzen müssen. Mancherorts werden wohl nun die erwarteten BIP-Zuwächse nach unten revidiert.

Eine unter Materialmangel leidende Industrieproduktion ist für sich genommen kein Grund zur Besorgnis. Sind Halbleiter und andere Materialien wieder verfügbar, kommt es zu Nachholeffekten. Sorgen bereiten dagegen die weiteren Folgen.  

Denn der Materialmangel wirkt sich nun auf den Auftragseingang aus. Können Waren nicht geliefert werden, verzichtet manches Unternehmen auf eine Bestellung. Auch die aufgrund des Materialmangels gestiegenen Preise dürften die Bestellungen schmälern. Weniger Aufträge bedeuten weniger Produktion in Zukunft. Aus diesem Blickwinkel wird der Mangel für die Konjunkturentwicklung zu einer ernstzunehmenden Gefahr.

Ein schnelles Ende der Materialnöte ist nicht in Sicht. Aus der Automobilindustrie ist zu hören, dass fehlende Teile bis ins Jahr 2022 eine Belastung bleiben könnten. Je länger Mangel herrscht, desto deutlicher wird es zu einem Umdenken kommen. Die lokale Produktion gewinnt an Stellenwert, sofern dadurch die Abhängigkeit von globalen Lieferketten abnimmt.

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