Spotanalyse

Deutschland: Inflationsrate hebt ab

Dr. Thomas Gitzel, Chief Economist VP Bank
Lesedauer: 2 Min
Die Inflationsrate steigt einer vorläufigen Schätzung zufolge von 2.3 % auf 3.8 % im Juli.

Zuletzt wurde eine Teuerung in ähnlicher Grössenordnung in der ersten Hälfte der 1990er Jahre gemessen. Mehr noch: Man sollte sich vorläufig an die höheren Teuerungsraten gewöhnen. Der Ausflug über die 3 %-Marke dauert länger. Wer nun aber einen nachhaltigen Teuerungsschub daraus ableitet, liegt falsch. Die Reduktion des Mehrwertsteuersatzes von 19 % auf 16 % im zweiten Halbjahr 2020 schlägt nun zu Buche. Die deutsche Bundesregierung hatte zur Abmilderung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie auf die zeitweilige Steuerreduktion gesetzt. Da also Waren des täglichen Bedarfs im Jahresvergleich billiger waren, hat dies unmittelbare Folgen für die Inflationsrate – und zwar im gesamten zweiten Halbjahr 2021. Die Teuerungsraten werden also erst zu Jahresbeginn 2022 fallen – dann jedoch merklich.
 
Der deutsche Inflationsanstieg wird auf die Teuerungsentwicklung des gesamten Euro-Währungsgebiets abfärben. Damit sind wir auch schon beim eigentlichen Thema: Was macht nun die EZB, wenn die Inflationsraten des gemeinsamen Währungsgebietes in luftige Höhen steigen? EZB-Chefin Christine Lagarde gab bei der letzten Notenbanksitzung bereits schon die passende Antwort: Nichts. Das mag ignorant klingen, doch die EZB liegt damit richtig.
 
Da es sich bei den gegenwärtigen Inflationsraten um den rechnerischen Effekt einer vorübergehend geringen Vergleichsbasis handelt, besteht auch kein Grund zu handeln. Die Eurozone wird aufgrund struktureller Wachstumsschwächen längerfristig mit zu niedrigen als mit zu hohen Inflationsraten zu kämpfen haben. Gerade deshalb wird die EZB gemäss ihrer neuen geldpolitischen Strategie sogar Inflationsraten von über 2 % tolerieren. Erst wenn sich abzeichnen sollte, dass die Teuerungsraten nachhaltig bei über 2 % zum Erliegen kommen werden, erst dann wird man im EZB-Tower in Frankfurt die geldpolitische Wende einleiten. Dies wird jedoch vermutlich noch lange auf sich warten lassen. Die Negativ- und Niedrigzinspolitik setzt sich die nächsten Jahre fort.

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