Spotanalyse

EZB: Das Volumen des Notfall-Kaufprogramms könnte schon im dritten Quartal wieder sinken

Dr. Thomas Gitzel, Chief Economist VP Bank Group
Lesedauer: 2 Min
Eine zentrale Frage ist an der Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) Zentrum gestanden: Wird sie das «signifikant» höhere PEPP-Ankaufvolumen im dritten Quartal wieder reduzieren können?

Die EZB sieht kurzfristig weiterhin wirtschaftliche Risiken. Dafür sind unter anderem die im Zuge der dritten Corona-Welle gestiegenen Infektionszahlen verantwortlich. Für den weiteren Jahresverlauf sind die europäischen Währungshüter indes wesentlich optimistischer. Die zunehmende Immunisierung ermögliche die Lockerung von Eindämmungsmassnahmen.

Die gegenwärtig höheren Inflationsraten erachtet die EZB als vorübergehend. Die inflationstreibenden Faktoren würden zu Beginn des kommenden Jahres auslaufen. Die Währungshüter rechnen also im Umkehrschluss für 2021 mit höheren Inflationsraten.

Die EZB wird bis mindestens Ende März 2022, und auf jeden Fall bis die Corona-Krise überwunden ist, an ihrem Pandemie-Wertpapierkaufprogramm (PEPP) festhalten. Das Gesamtvolumen bleibt unverändert bei EUR 1´850 Mrd. Laut EZB-Präsidentin Christine Lagarde wurde kein Auslaufen des PEPP-Programms diskutiert.

Im laufenden Quartal werde das Ankaufvolumen signifikant höher ausfallen, bestätigte die EZB. Ob es im dritten Quartal wieder auf ein «Normalmass» zurückgeführt werde, hängt laut Lagarde von den Wirtschaftsdaten ab. Dabei spielen die Finanzierungsbedingungen eine zentrale Rolle. Da im dritten Quartal eine spürbare wirtschaftliche Erholung zu vermelden sein wird, gehen wir davon aus, dass die EZB das Ankaufvolumen wieder auf das Mass des ersten Quartals zurückführen kann.

Die EZB hat aktuell keinen Zwang zum Handeln. Die dritte Corona-Welle hinterlässt erneut schwerwiegende wirtschaftliche Bremsspuren. Dies reicht aus, um die ultra-expansive Geldpolitik zu rechtfertigen. Der gegenwärtige Inflationsanstieg ist temporärer Natur. Auch aus diesem Blickwinkel gibt es keinen Grund, das Ruder auf einen anderen Kurs zu stellen.

Allerdings wird der Euro-Währungsraum mit fortschreitender Impfquote Stück für Stück der Corona-Rezession entkommen und zu einem wirtschaftlichen Normalzustand zurückkehren. Das wird schon bald der Fall sein, davon geht auch die EZB aus.

Lagarde muss also in den kommenden Monaten die Märkte darauf vorbereiten, dass der Zeitpunkt kommen könnte, bei dem die EZB restriktiver wird. Das Notfall-Wertpapierkaufprogramm ist, wie der Name schon sagt, für den Notfall konzipiert. Besteht der Tatbestand des Notfalls nicht mehr, muss die EZB folglich dieses Programm einstellen.

Vor dem Hintergrund der immens gestiegenen Staatsverschuldung wird jegliches Zurückfahren des Ankaufvolumens kein leichtes Unterfangen sein. Die Währungshüter sind ein zentraler Gläubiger der Staaten geworden. Die Zeit der grossen Herausforderung steht also noch bevor. Noch hat die EZB eine Schonfrist.

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